Rundbrief Nr. 4: Ein Einblick in meinen Alltag in den USA
Hallo zusammen!
Herzlich willkommen an alle, die meinen Rundbrief neu abonniert haben! Ich freue mich über euer Interesse, mich auf meinem Weg zu begleiten.
In diesem Rundbrief nehme ich euch mit in meinen Alltag in den USA hinein, berichte von einigen Highlights aus den vergangenen Monaten und gebe euch einen Ausblick, was als Nächstes ansteht.
Mehr Informationen findet ihr auch auf meiner Seite auf der Wycliff-Website. Außerdem habe ich kürzlich einen Artikel über mein Praktikum in Äthiopien letztes Jahr geschrieben, den ihr im Online-Magazin von Wycliff Deutschland lesen könnt. Schaut gerne mal rein!
Mein Alltag in den USA
Wie viele von euch wissen, bin ich letztes Jahr nach Wheaton, einem Vorort von Chicago, gezogen, um mich dort mit einem Masterstudium auf die Arbeit in der Bibelübersetzung vorzubereiten. Im Gegensatz zu meiner Heimat, dem Schwarzwald, ist Wheaton komplett flach. Das kommt mir ganz gelegen, denn ich habe kein Auto, sondern fahre überall mit dem Fahrrad hin.
Die Straßen hier sind alle gleich gestaltet: breite Fahrbahnen, links und rechts gesäumt mit Bäumen, dann kommt der Gehweg und dahinter Wohnhäuser. Manchmal fühle ich mich wie in einem großen Park. Das Hochschulgelände ist auch gut begrünt, mit viel Bepflanzung, Springbrunnen und Rasenflächen, auf denen man sich im Sommer entspannen kann.
Meine Vormittage verbringe ich meistens in Vorlesungen, zusammen mit ca. 20 anderen Studenten aus der ganzen Welt. Der Unterricht ist hybrid, das heißt, manche Studenten sitzen vor Ort im Klassenzimmer und andere schalten sich online dazu. Dieses Jahr habe ich zwei Theologiekurse belegt: Neutestamentliche Theologie (Was lehrt das Neue Testament?) und Christologie (Wer ist Jesus Christus?). Zusätzlich habe ich noch 2 Exegese-Kurse belegt, in denen wir einzelne Bücher der Bibel im Detail durchgehen: Amos aus dem Alten Testament und die Apostelgeschichte aus dem Neuen Testament.
Die Exegese-Kurse machen mir am meisten Spaß, weil wir direkt mit dem biblischen Text in der Originalsprache arbeiten. Jede Woche übersetzen wir einen Abschnitt aus dem Hebräischen (Amos) oder dem Griechischen (Apostelgeschichte) und diskutieren anschließend gemeinsam über die Bedeutung des Textes.
Exegese und Bibelübersetzung: Ein Beispiel aus der Apostelgeschichte
Im Gegensatz zum Deutschen ist im Griechischen die Wortstellung innerhalb eines Satzes flexibel. Die Autoren der Bibel platzieren daher bestimmte Wörter oft an den Anfang eines Satzes, um sie besonders hervorzuheben. Ein Beispiel dafür finden wir in Apostelgeschichte 8,18. Dort sieht Simon, ein Magier, dass Menschen den Heiligen Geist empfangen, als die Apostel ihnen die Hände auflegen. Daraufhin versucht er, sich den Heiligen Geist zu kaufen. Lukas (der Autor der Apostelgeschichte) hat das Händeauflegen an den Anfang des Satzes gestellt, und den Heiligen Geist ganz ans Ende. Dadurch macht Lukas deutlich, dass Simon überhaupt nicht am Heiligen Geist an sich interessiert ist, sondern lediglich an der Macht, den Geist an Leute zu verteilen.
Griechisch: ἰδὼν δὲ ὁ Σίμων ὅτι διὰ τῆς ἐπιθέσεως τῶν χειρῶν τῶν ἀποστόλων δίδοται τὸ πνεῦμα
Wort-für-Wort-Übersetzung ins Deutsche: Sehend aber Simon, dass durch das Auflegen der Hände des Apostel war gegeben der Geist.
Für die Bibelübersetzung stellt sich damit die Frage: Wie können wir diese Hervorhebung in einer Sprache wiedergeben, in der die Satzstellung nicht so flexibel ist wie im Griechischen? Einige deutsche Übersetzungen versuchen, die ursprüngliche Hervorhebung beizubehalten, indem sie die ungewöhnliche Wortstellung übernehmen: „Als aber Simon sah, dass durch das Auflegen der Hände der Apostel der Geist gegeben wurde” (z.B. Elberfelder, Schlachter, Einheitsübersetzung). Das kommt dem griechischen Satz näher, klingt aber etwas ungewöhnlich. Andere Übersetzungen verändern die Wortstellung, damit der Satz natürlicher lesbar ist: „Als Simon sah, dass der Geist durch das Auflegen der Hände der Apostel gegeben wurde” (z.B. Gute Nachricht, Neues Leben, Neue Evangelistische). Diese Version liest sich flüssiger, verliert dabei aber die ursprüngliche Betonung. Welche Übersetzung findest du besser: die, die näher am Originaltext ist, oder die, die sich einfacher liest?
In meiner Mittagspause telefoniere ich meistens mit Familie und Freunden in Deutschland oder Südafrika und natürlich mit White (meinem Verlobten). Wegen der Zeitverschiebung ist es für ihn schon Abend, sodass wir gemeinsam essen können: Ich esse zu Mittag, und er zu Abend.
Die Nachmittage verbringe ich meistens in der Bibliothek, wo ich an meinen Hausarbeiten und Übersetzungen arbeite. Dreimal die Woche arbeite ich auch für das College (was in den USA ganz normal ist). Mein Job ist es, die Handtücher und Trikots der Sportmannschaften des Colleges zu waschen. Zum Glück fällt dabei aber nicht ununterbrochen Wäsche an, sodass ich an meinen Studienaufgaben arbeiten kann, wenn es gerade nichts zu tun gibt oder die Waschmaschinen laufen.
Meine Abende sehen ganz unterschiedlich aus. Ich gehe im College-Pool schwimmen, treffe mich mit Freunden oder helfe in meiner Gemeinde. Dort gibt es ein Nachhilfeprogramm für Jugendliche, die aus spanischsprachigen Ländern in die USA eingewandert sind. Viele von ihnen haben Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, weil sie erst noch Englisch lernen müssen. Ich helfe ihnen bei den Hausaufgaben oder mit Englisch und manchmal reden wir auch einfach nur so über das, was sie gerade beschäftigt.
Außerdem treffe ich mich regelmäßig mit zwei anderen Studenten, die Deutsch lernen wollen. Wir unterhalten uns eine Stunde lang ausschließlich auf Deutsch, damit sie ihre Sprachkenntnisse verbessern können. Wusstet ihr, dass viele bedeutende Bücher zur Theologie auf Deutsch sind? Deutschkenntnisse sind deswegen wichtig für jeden, der es ernsthaft in der Theologie zu etwas bringen will. Ich bin dankbar, dass Deutsch meine Muttersprache ist, und gebe diesen Segen gerne an andere weiter.
Übrigens bin ich nicht die einzige Deutsche am Wheaton College. Es gibt noch zwei weitere: Ruben studiert “Teaching English to Speakers of Other Languages & Intercultural Studies”, und Christoph macht seinen Master in “Evangelism and Leadership”. Wir treffen uns regelmäßig und es tut gut, zwischendurch wieder einmal Deutsch zu sprechen und sich über das Leben in den USA auszutauschen.
Die meisten Amerikaner, die ich hier kennengelernt habe, sind aufgeschlossen, freundlich und großzügig. Fremde Leute fangen Gespräche miteinander an, z.B. im Supermarkt, im Zug oder in Cafés. Man fühlt sich wahrgenommen. Vor ein paar Monaten habe ich zufällig eine Mitstudentin getroffen, als ich gerade mein Fahrrad heimschob, weil es einen Platten hatte. Kurzerhand hat sie mein Fahrrad in ihr Auto geladen, mich zu einem Fahrradladen gefahren, gewartet, bis der Reifen repariert war, und mich danach wieder nach Hause gebracht. Auch Freunde bieten immer wieder an, mich zum Einkaufen mitzunehmen, weil ich kein Auto habe, und einmal hat sogar eine fremde Person im Supermarkt meinen Einkauf bezahlt. Das passiert auch oft in Cafés: Leute bezahlen nicht nur für ihren eigenen Kaffee, sondern auch für den des nächsten Kunden.
Das Wetter hier gefällt mir allerdings gar nicht. Im Winter ist es viel zu kalt (-20 Grad), und im Sommer ist es oft schwül, mit Gewittern und sogar Tornados. Letzte Woche ist ein Tornado knapp an Wheaton vorbeigefegt und hat viele Stromleitungen beschädigt, sodass wir 3 Tage lang keinen Strom hatten.
Highlights aus den letzten Monaten
Ein Vorteil, in den USA zu studieren, ist dass viele Funde aus der Zeit der Bibel hier in Museen ausgestellt sind. Einer unserer Professoren, John Walton, hat uns eine Führung im Institute for the Study of Ancient Cultures in Chicago gegeben. Dort ist unter anderem ein Tonprisma aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. ausgestellt, auf dem der assyrische König Sanherib seinen Feldzug gegen Jerusalem festhalten ließ. Genau dieselben Ereignisse werden auch in 2. Könige 18–19 und Jesaja 36–37 beschrieben.
Ein weiteres Highlight war, die Qumran-Handschriften im Museum of the Bible in Washington D.C. zu sehen. Diese Handschriften des Alten Testaments und weiterer jüdischer Schriften stammen aus der Zeit zwischen dem 3. und 1. Jahrhundert v. Chr. und wurden 1947 in Höhlen am Toten Meer entdeckt. Ich konnte eine Originalhandschrift des Buches Jesaja, die über 2000 Jahre alt ist, mit eigenen Augen sehen.
Das Museum hat außerdem eine beeindruckende Ausstellung zur Bibelübersetzung. In einem großen Kreis stehen 29 große Bücherregale. 4 Regale enthalten vollständige Bibeln (die gelben im Foto unten) und 6 weitere Regale enthalten Übersetzungen des Neuen Testaments (orange). Die restlichen 19 Regale enthalten leere Hüllen, die alle Sprachen repräsentieren, in denen es bis heute noch keine Bibelübersetzung gibt (rosa und blau). Diese beeindruckende Darstellung erweckt die Statistiken zum Leben und macht auf einen Blick sichtbar, wie viel bereits erreicht wurde, aber auch, wie groß die Aufgabe noch immer ist.
Ein weiteres besonderes Ereignis war der Besuch meiner Eltern hier in den USA. Es war schön, mal wieder Zeit persönlich miteinander zu verbringen und ihnen mein Leben hier zu zeigen.
Außerdem konnte ich nach Südafrika reisen, um White und andere Freunde dort zu besuchen. Wir konnten einige Hochzeitsvorbereitungen treffen, und zufällig fand in diesem Zeitraum auch Whites Promotionsfeier statt, sodass ich ihn begleiten und wir diesen besonderen Meilenstein gemeinsam feiern konnten.
Zurück in den USA durfte ich am 4. Juli den Unabhängigkeitstag mitfeiern. Dieses Jahr waren die Feierlichkeiten etwas ganz Besonderes, denn die Vereinigten Staaten feierten ihr 250-jähriges Bestehen mit einer Parade und einem 30-minütigen Feuerwerk inklusive Lasershow.
Wie geht es weiter?
Dezember 2026 - Januar 2027
Wenn ich mit meinem 4. Semester hier in Wheaton im Dezember fertig bin, fliege ich nach Südafrika und heirate! White und ich freuen uns schon sehr darauf, dieses neue Kapitel gemeinsam zu beginnen.
Februar - Mai 2027
Ende Januar geht es für mein letztes Semester noch einmal in die USA zurück, und nach meiner Abschlussfeier im Mai komme ich nach Deutschland!
Mai 2027 - ?
In Deutschland möchte ich mein Visum für Südafrika beantragen und meinen Unterstützerkreis weiter ausbauen. Sobald das Visum erteilt und meine finanzielle Unterstützung gesichert ist, kann ich nach Südafrika ausreisen, um dort in verschiedenen Bibelübersetzungsprojekten mitzuarbeiten, damit Menschen in Afrika Gottes Wort in ihrer eigenen Sprache lesen können. An welchen Projekten genau ich beteiligt sein werde, ist noch in Planung, das kann ich euch hoffentlich im nächsten Rundbrief mitteilen.
So kannst du mich unterstützen
In den vergangenen Monaten durfte ich immer wieder erleben, wie Gott durch euch für mich sorgt. Wie ich bereits in früheren Rundbriefen geschrieben habe, wird mein (zukünftiges) Gehalt für die Arbeit in der Bibelübersetzung durch persönliche Spenden finanziert. Seit meinem letzten Rundbrief sind 2 neue Personen zu meinem Unterstützerkreis hinzugekommen. Dadurch sind inzwischen etwa 20 % meines monatlichen Unterstützungsbedarfs gedeckt. Vielen Dank an alle, die sich entschieden haben, mich auf diese Weise zu unterstützen! Auch für die vielen Einmalspenden bin ich sehr dankbar. Auch wenn uns viele Kilometer trennen, seid ihr eine große Ermutigung für mich.
Wenn auch du dazu beitragen möchtest, dass Menschen die Bibel in ihrer eigenen Muttersprache lesen können, so wie wir es unser ganzes Leben lang durften, dann lade ich dich ein, Teil meines Unterstützerkreises zu werden. Spenden werden über Wycliff Deutschland abgewickelt. Wählt dazu auf der Spendenseite bitte „Mitarbeiter/in oder Mitarbeiterfamilie unterstützen“ und gebt im Feld „Nachricht“ den Vermerk „Strobel-Vogt 306200“ an. Vielen Dank!
Ich möchte dich auch dazu einladen, mich weiterhin im Gebet zu unterstützen. So kannst du für mich beten:
Gebetsanliegen
Dank
Neue Freundschaften in den USA.
Die Zeit mit meinen Eltern in den USA und mit Freunden in Südafrika.
Dass mein Unterstützerkreis wächst
Bitten
Hochzeitsvorbereitungen (insbesondere der Papierkram).
Dass mein Unterstützerkreis weiter wächst.
Kraft und Durchhaltevermögen für mein Studium, die Arbeit, und alle weiteren Aufgaben, die vor mir liegen.
Wenn du meine Rundbriefe per Mail bekommen möchtest, kannst du dich hier für meinen Verteiler anmelden
Important:
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